Kyōto Uji 2 – Die Schlacht von Uji 1184 (宇治川の戦い)

Vorbemerkung

Die beiden folgenden Spaziergänge „Uji 1“ und „Uji 2“ folgen dem Verlauf zweier Schlachten, die sich gegen Ende der Heian-Zeit (平安時代, 794–1185) am Uji-Fluss zugetragen haben. Beide Spaziergänge gehen ineinander über und können als ein Spaziergang miteinander verbunden werden. Aufgrund ihrer Größe und ihrer Lage ist es in diesem Fall allerdings empfehlenswert, sich für den Mii-dera (Uji 1, erste Station) und den Iwashimizu Hachiman-gū (Uji 2, letzte Station) jeweils einen ganzen Tag Zeit zu nehmen.

Spaziergang Uji 2: Die Schlacht von Uji 1184 (宇治川の戦い)

Der Spaziergang Uji 2 beginnt dort, wo der Spaziergang Uji 1 aufhört. Daher ist es empfehlenswert, zunächst mit dem Spaziergang Uji 1 zu beginnen. Diejenigen, die von Kyōto kommend direkt in den zweiten Spaziergang einsteigen möchten, nehmen vom Hauptbahnhof aus die JR-Linie in Richtung Nara (JR奈良線) bis zum Bahnhof Uji (400¥). Nun laufen sie unter dem großen Genji-Tor hindurch die Straße hinunter, biegen vor der Uji-Brücke nach rechts ab und folgen der Straße bis zum Byōdō-in.

Im Jahr 1184, vier Jahre nach den Geschehnissen, von denen im Spaziergang „Uji 1“ berichtet wurde, hat sich die politische Lage in Kyōto vollständig gewandelt. Taira no Kiyomori ist 1181 verstorben und seine Familie nicht nur nicht mehr an der Macht, sondern bereits aus der Hauptstadt vertrieben. Und auch wenn die Taira die kaiserlichen Insignien mitgenommen haben und den kleinen Kaiser Antoku immer noch als den rechtmäßigen Throninhaber verehren, wird in Kyōto längst neue Politik gemacht – mit Go-Toba (後鳥羽, r. 1183–1198) als dem neuen, wenn auch insignienlosen Kaiser.

Die Wende herbeigeführt hat Kiso Yoshinaka (木曾義仲, 1154–1184), Feldherr der Minamoto und Cousin von Minamoto no Yoritomo. Im Jahr 1183 besiegt er die Taira gleich zwei Mal in Kurikara (倶利伽藍) und Shinohara (篠原) und zwingt sie zur Flucht aus der Hauptstadt. Er selbst möchte nun die Rolle der Taira einnehmen und politischen Einfluss ausüben auf Adel und Kaiserhaus.

Doch Yoshinaka erwies sich nicht als der Retter, als der er zunächst in der Hauptstadt empfangen wurde, nachdem die Taira in den letzten Jahren immer stärker versucht hatten, ihre Macht zu sichern und dabei immer mehr mit dem Kaiserhaus in die Haare geraten waren. Im Gegenteil: Viele wünschen sich angesichts des rauen Kriegergebarens der Minamoto die kultivierteren Taira zurück, die zumindest höfische Manieren kennen und ihre Zähne schwarz färben. Yoshinakas Truppen dagegen plündern rücksichtslos die Vorräte der Stadt, verfüttern den jungen Reis auf den Feldern an ihre Pferde und überfallen Reisende.

Go-Shirakawa persönlich sendet einen Boten und bittet Yoshinaka, diesem Treiben Einhalt zu gebieten, doch der Feldherr der Minamoto gibt keine Antwort und amüsiert sich stattdessen über die feinen Manieren des Adels. Daraufhin wendet sich der Ex-Kaiser an die Mönche des Enryaku-ji und des Mii-dera, sie mögen die Minamoto aus der Stadt vertreiben. Yoshinaka schreckt nicht zurück vor einer Schlacht gegen Truppen unter kaiserlichem Befehl, besiegt die Mönche und stellt den Ex-Kaiser unter Arrest. Go-Shirakawas Residenz, der Hōjū-ji-Palast (法住寺殿), brennt an diesem Tag bis auf die Grundmauern nieder.

Doch während Yoshinaka in Kyōto noch seinen Sieg feiert und überlegt, ob er sich nun zum Kaiser oder doch gleich zum Ex-Kaiser ernennen solle (nicht wissend, dass diesen Titel nur Kaiser erlangen können, die die Tonsur tragen), hat Minamoto no Yoritomo im fernen Kamakura bereits seinen Sturz beschlossen. Mit mehr als 60000 Mann schickt er seine jüngeren Brüder Minamoto no Noriyori (源範頼, 1150–1193) und Minamoto no Yoshitsune in Richtung Hauptstadt. In Owari trennt sich das Heer: Während Noriyori mit einem Teil des Heeres auf die Seta-Brücke zuhält, galoppiert Yoshitsune mit seiner Streitmacht in Richtung Uji. Diese beiden Brücken sind die einzigen Möglichkeit der Überquerung des Uji-Flusses und von Osten kommend der einzige Zugang zur Hauptstadt.

Station 1: Ujigawa senjin (宇治川先陣, „der erste Mann über den Uji-Fluss“)

Wir verlassen den Byōdō-in, gehen hinunter zum Fluss und folgen dem Fluss in der entgegengesetzten Richtung der Uji-Brücke, bis wir zur Kisen-Brücke (喜撰橋) kommen. Wir überqueren sie und befinden uns nun auf der Insel inmitten des Uji-Flusses (vgl. Karte). Vor uns steht die Jūsan-jū sekitō (十三重石塔), die 13-stöckige Steinpagode, die Eison errichten ließ, als er im Jahre 1286 die Uji-Brücke und den Hashidera Hōjō-in restaurierte (vgl. Spaziergang Uji 1). Sie ist die höchste Steinpagode Japans.

Jūsan-jū sekitō (Copyright by Valerie Niedenführ)

Jūsan-jū sekitō (Copyright by Valerie Niedenführ)

Wir wenden uns nach links und gehen an der Asagiri-Brücke (朝霧橋) vorbei. Einige Meter weiter liegt rechter Hand der Gedenkstein Ujigawa senjin no hi (宇治川 先陣の碑). Auf der Insel und am Fluss finden derzeit Bauarbeiten statt, weshalb der Weg hinter der Asagiri-Brücke womöglich durch einen Bauzaun versperrt sein wird. Für höflich fragende Austauschstudenten jedoch, die sich für Geschichte und Kultur Japans interessieren und einfach nur ein kleines Foto machen möchten, machen die freundlichen Bauarbeiter den Durchgang gerne einmal frei.

Ujigawa senjin no hi (Copyright by Valerie Niedenführ)

Ujigawa senjin no hi (Copyright by Valerie Niedenführ)

Als Yoshitsune mit seinen Männern den Fluss erreicht, sind die Planken der Brücke erneut herausgerissen worden und im Fluss treiben Barrikaden, die mit Tauen im Flussbett befestigt wurden. Yoshinaka hat von der Streitmacht erfahren, die unterwegs ist, um ihn zu stürzen, und sich auf ihren Besuch vorbereitet. Die Strömung des Uji-Flusses ist aufgrund der einsetzenden Schneeschmelze besonders reißend.

Um seine Männer zu testen, fragt Yoshitsune, ob man einen Umweg über Yodo und Imoarai nehmen oder auf ein Abschwellen der Wassermassen warten solle. Sie enttäuschen ihn nicht. Hatakeyama no Shōji Jirō Shigetada (畠山庄司次郎重忠, ?) erinnert an die erfolgreiche Durchquerung des Flusses durch die Heike vier Jahre zuvor und bietet an, als erster den gefährlichen Ritt zu wagen. Doch so soll es nicht kommen. Denn…

„…in diesem Augenblick kamen aus der Richtung nordöstlich des Byōdō-in, von der Spitze der (Insel) Tachibana-no-kojima, zwei Krieger in scharfem Tempo herangaloppiert. Einer der beiden Reiter war Kajiwara Genda Kagesue (梶原源太影季, 1162–1200), der andere war Sasaki Shirō Takatsuna (佐々木四郎高綱, 1160–1214). Obwohl sie es sich nicht anmerken ließen, hatten beide innerlich den Entschluss gefasst, der erste zu sein, der den Uji-Fluss überquert.

Kagesue war Takatsuna etwa einen Tan (一段, ca.11 Meter) voraus. Takatsuna sagte zu ihm: „Dieser Fluss ist der größte in den westlichen Provinzen. Dein Sattelgurt sieht lose aus. Du solltest in festziehen.“ Kagesue dachte wohl, dass dem tatsächlich so wäre, stieg in die Steigbügel und spreizte die Beine vom Pferdebauch, warf die Zügel über die geflochtene Mähne, löste den Gurt und zog ihn fest. Währenddessen galoppierte Takatsuna blitzschnell an ihm vorbei und trieb sein Pferd ungestüm in den Fluss. Kagesue fühlte sich wohl betrogen und folgte ihm in kurzem Abstand. „Hey, Takatsuna!“, rief er. „Pass auf, dass du nicht scheiterst, weil du unbedingt eine Heldentat vollbringen möchtest. Auf dem Grund des Flusses sind mit Sicherheit Taue.“

Da zog Takatsuna sein Schwert und indem er eines nach dem anderen die Taue, an denen die Füße seines Pferdes hängen blieben, durchschnitt, durchquerte er auf Ikezuki, dem besten Pferd der Welt, in einer gerade Linien eilig den schnell dahinströmenden Uji-Fluss und erreichte das gegenüberliegende Ufer. Kagesues Pferd Surusumi wurde auf halbem Weg abgetrieben, beschrieb einen Bogen und landete ein ganzes Stück weiter flussabwärts.

Takatsuna stemmte sich in die Steigbügel, stand in seinem Sattel auf und rief mit lauter Stimme seinen Namen: „Ich, Sasaki Shirō Takatsuna, Nachfahre des Kaisers Uda in der neunten Generation und vierter Sohn des Sasaki Saburō Hideyoshi, bin der erste Mann über den Uji-Fluss. Wer sich für geeignet hält, der möge sich mit mir messen.“ Und er stürmte brüllend vorwärts.

Shigetada folgte ihm mit seinen 500 Reitern und durchquerte den Fluss. Sein Pferd wurde von einem Pfeil getroffen, den Yamada no Jirō vom anderen Ufer geschossen hatte. Er versank bis über den Schaft in der Stirn des Tieres. Das Pferd strauchelte und Shigatada stieg mitten im Fluss ab, wobei er seinen Bogen als Stütze verwendete. Obwohl ihm die Wellen, die sich an den Felsen brachen, bis an die Helmklappen schlugen, ließ er sich nicht beirren und erreichte das andere Ufer, indem er sich auf den Grund des Wassers duckte. Als er sich daran machte, das Ufer hinaufzusteigen, zog ihn etwas kräftig zurück.

„Wer ist das?“, fragte er.

„Shigechika.“, kam die Antwort.

„Ōkushi, du?“

„Ja.“ Ōkushi no Jirō Shigechika (大串次郎重親, ?) war Shigatadas Eboshi-Kind.

„Das Wasser war so schnell, dass mein Pferd hinweggerissen wurde.“, sagte er. „Ich hatte keine andere Wahl, als mich an dir festzuhalten.“

„Ihr jungen Kerle lasst euch immer von Leuten wie mir helfen, stimmt’s?“, sagte Shigetada, packte Shigechika und warf ihn ans Ufer. Shigechika rappelte sich auf und verkündete: „Ōkushi Jirō Shigechika aus der Provinz Musashi, ist der erste Mann über den Uji-Fluss zu Fuß!“

Freund und Feind brachen in lautes Gelächter aus, als sie dies hörten.“

Yoshitsune geht siegreich aus der Schlacht hervor, ebenso wie sein Bruder Noriyori in Seta. Während Yoshitsune sich nun in die Hauptstadt begibt, um Ex-Kaiser Go- Shirakawa vor etwaigen Vergeltungsschlägen durch Yoshinaka zu schützen, findet selbiger einen eher unrühmlichen Tod auf halbem Weg zwischen Kyōto und Seta. Auf der Suche nach einem geeigneten Ort, sich selbst das Leben zu nehmen, bricht Yoshinakas Pferd durch eine dünne Eiskruste und versinkt bis zum Hals in einem Reisfeld. Auf diese Weise festgehalten, blickt er sich nach seinen Verfolgern um und wird von einem Pfeil mitten ins Gesicht getroffen. Ein wenig bekannter Samurai der Minamoto nimmt seinen Kopf.

Station 2: Iwashimizu Hachiman-gū (石清水八幡宮)

Die Schlacht ist gewonnen. Und es werden noch weitere Schlachten kommen, aus denen die Minamoto siegreich hervorgehen. Sie werden die Taira bei Dan-no-ura besiegen und eine eigene Regierung, das Kamakura-Shōgunat begründen, mit dem sie eine neue Ära einleiten. Doch all dies haben sie, davon ist zumindest das Heike Monogatari überzeugt, nicht alleine geschafft. Die Minamoto stehen unter dem starken Schutz von Hachiman (八幡), ihrer Clangottheit. Sein Schrein liegt in Richtung Ōsaka, in der Stadt Yawata am Fuß des Berges Otoko. Dorthin fahren wir nun zum Schluss unseres Spazierganges, um uns – stellvertretend für die Minamoto, die dies mit Sicherheit auch getan haben werden – für den Erfolg zu bedanken.

Wir gehen dazu am Fluss entlang zurück in Richtung Uji-Brücke, am Hashi-dera vorbei und über die Straße zum Bahnhof Uji der Keihan-Linie. Von dort nehmen wir den Zug in Richtung Chūsho-jima (中書島). In Chūsho-jima steigen wir um in den Zug in Richtung Kuzuha (樟葉) und fahren zwei Stationen bis Yawata-shi (八幡市, ¥300).

In Yawata umrunden wir den Busbahnhof vor der Station gegen den Uhrzeigersinn und biegen bei dem Gebäude nach rechts ab, an dem in großen roten Katakana- Zeichen das Wort „Tsujitomi“ (ツジトミ) geschrieben steht. Ein paar Meter weiter und wir stehen vor dem steinernen torii, welches den Eingang zum Iwashimizu Hachimangū markiert (vgl. Karte).

Geschichte

Nach der Legende soll dieser Schrein auf dem Gipfel des Berges Otoko auf Wunsch des großen Gottes Hachiman persönlich erbaut worden sein. Im Jahr 859 unternahm Gyōkyō (行教, ?), ein Mönch des Daian-ji (大安寺) in Nara, eine Reise zum Hachiman-Schrein in Usa (宇佐神宮), vermutlich im Auftrag seines Dienstherren Fujiwara no Yoshifusa (藤原良房, 804–872). Dort sollte er für Yoshifusas Enkel beten, der bald darauf unter dem Namen Seiwa (清和, r. 858–876) der bis dato jüngste Kaiser der japanischen Geschichte werden sollte. Da das Kind jedoch noch zu jung war, um sein Land zu lenken, übernahm sein Großvater für ihn die Regierungsgeschäfte und begründete damit die Zeit der Fujiwara-Regentschaft. Die eigentliche Macht lag fortan nicht mehr beim Kaiser selbst sondern in den Händen der Fujiwara-Regenten, unter denen Fujiwara no Michinaga der einflussreichste und bedeutendste werden sollte.

Im Jahr 859 also, während seines Besuches in Usa, hörte Gyōkyō die Stimme Hachimans, der versprach, mit seiner Macht die damalige Hauptstadt Kyōto zu schützen, wenn man ihm einen Wohnsitz in der Nähe erbaue. Als geeigneter Ort bestimmte man Gipfel des Otokoyama. Dieser lag im Südwesten der Stadt und damit in der entgegengesetzten Richtung des Enryaku-ji im Nordosten. Beide Himmelsrichtungen gelten in der chinesischen Mythologie als unheilverheißend, da sie Yin und Yang in sich vereinen (Yin: Norden und Westen; Yang: Süden und Osten). Das mache sie instabil und zu einem Tor für Unheil und Dämonen.

Von Anfang an stand der Schrein unter starkem Einfluss des Buddhismus. Es war zu dieser Zeit nicht unüblich, shintōistische Gottheiten mit Bodhisattvas gleichzusetzen, und so gab sich Hachiman bald nach der Errichtung des Tempels als der „große Bodhisattva Hachiman“ zu erkennen. Darüber hinaus identifizierte er sich als der verstorbene Kaiser Ōjin (応神, r. 270–310) und war so nicht nur Beschützer der Stadt Kyōto, sondern außerdem noch Ahnherr und Bewahrer des Kaiserhauses. Der Iwashimizu wurde neben dem Ise-Schrein (伊勢神宮) zum zweiten Zentrum der Ahnenverehrung der kaiserlichen Familie. Außer Ōjin werden in dem Schrein noch seine Mutter Jingū Kōgō (神功皇后) und die Gottheit Hime Ōkami (姫大神) verehrt, von der es heißt, dass sie seine Frau gewesen sei. Es gibt jedoch noch eine andere Geschichte, nach der sie aus einem Schwert geboren wurde.

Der untere Schrein

Hinter dem torii liegt rechterhand ein kleiner Teich, der Hōjō-ike (放生池). Hier findet der Höhepunkt des Iwashimizu-matsuri (岩清水祭り), die hōjō-e statt. Jedes Jahr am 15. September ziehen die Priester des Iwashimizu in den frühen Morgenstunden los und tragen die drei im oberen Schrein verehrten Götter in drei mit goldenen Phönixen verzierten Sänften herab zum unteren Schrein. Begleitet werden sie von über 300 Menschen in Heian-zeitlicher Tracht. Am Hōjō-ike tanzt eine Gruppe von Jungen und Mädchen den „Schmetterlingstanz“ (胡蝶の舞). Bei der anschließenden hōjō-e werden kleine Fische und Vögel in die Freiheit entlassen. Dies soll die Seelen umherwandernder Geister beruhigen. Um fünf Uhr nachmittags macht sich die Prozession wieder auf den Weg den Berg hinauf.

Die hōjō-e ist ursprünglich eine buddhistische Zeremonie und bezeugt damit die tiefe Verwurzelung des Schreins in der buddhistischen Tradition. Diese Verbindung wurde erst mit der Trennung von Buddhismus und Shintōismus in der Meiji-Zeit aufgehoben, Hachiman zu einem „großen Gott“ anstatt eines „großen Bodhisattva“ und der Iwashimizu zu einem rein shintōistischen Schrein erklärt. Eine Vielzahl wertvoller Kulturgüter ging hierbei verloren.

Tongu-den (Copyright by Valerie Niedenführ)

Tongu-den (Copyright by Valerie Niedenführ)

Der untere Schrein muss einst sehr prächtig gewesen sein, denn eine Anekdote im Tsurezure-gusa (徒然草) von Yoshida Kenkō (吉田兼好, ca. 1283–nach 1352) berichtet von einem betagten Mönch des Ninna-ji (仁和寺), der ihn mit dem Hauptschrein verwechselte und seine Pilgerreise beendete, ohne den Berg erklommen zu haben (Tsurezure-gusa 52). Der damals hier gelegene überaus prächtige Gokuraku-ji (極楽寺) ist leider nicht mehr erhalten. Er wurde 1868 in der Schlacht von Toba und Fushimi (鳥羽・伏見の戦い) zerstört, die das Ende des Tokugawa-Shōgunates einläutete. Erhalten geblieben ist die Tongū-den (頓宮殿), heute das größte Gebäude des unteren Schreins.

Copyright by Valerie Niedenführ

Copyright by Valerie Niedenführ

Auf der anderen Seite des Tongū-den, am Rand eines kleinen Parkplatzes stoßen wir auf eine Kiefer (頼朝公お手植えの松), die schräg über den Weg gewachsen ist. Sie soll von Minamoto no Yoritomo persönlich gepflanzt worden sein, als er im Alter von 49 Jahren von Kamakura aus zum Iwashimizu pilgerte. Hier pflanzte er den eigens aus dem Tsurugaoka-Schrein (鶴ケ丘八幡宮) in Kamakura hergebrachten Zapfen, und nahm im Austausch einen Zapfen aus dem Iwashimizu mit, den er im Tsurugaoka pflanzte. So schuf Yoritomo ein Band zwischen dem noch recht jungen Schrein, den er im Jahr 1180 zu Ehren Hachimans in Kamakura gegründet hatte, und dem renommierten Iwashimizu Hachiman-gū. Da jedoch die einzige aus dieser Zeit verbliebene Kiefer 1948 unglücklicherweise einem Blitzschlag zum Opfer fiel, nennt sich der heute an diese Stelle wachsende Baum die „von Yoritomo eigenhändig gepflanzte Kiefer der zweiten Generation“.

Müde Besucher können an dieser Stelle wieder umdrehen und den Hinweisschildern zum Cable Car folgen, das sie im Handumdrehen auf den Gipfel bringen wird. Allen sportlichen und/oder motivierten Geistern kann ich den ca. 20– 30-minütigen Aufstieg über die Treppen aufgrund der schönen Natur und Aussicht jedoch wärmstens empfehlen.

Der Iwashimizu Hachiman-gū und die Glühbirne

Auf halbem Weg zwischen dem steinernen torii und dem breiten roten Tor, das zum Hauptschrein führt, biegen wir nach links ab und gelangen auf einen großen Platz, auf dem wir unter anderem eine Gedenkstätte an Thomas Alva Edison (エジソン記念碑) finden.

Gedenkstätte an Thomas Alva Edison (Copyright by Valerie Niedenführ)

Gedenkstätte an Thomas Alva Edison (Copyright by Valerie Niedenführ)

Einmal jährlich an seinem Geburtstag am 11. Februar wird ihm zu Ehren hier eine kleine Gedenkfeier abgehalten. Nun wird der ein oder andere sich fragen, was Edison mit dem Iwashimizu Hachiman-gū zu tun hat. Tatsächlich gibt es eine Verbindung. Als Edison 1879 die massentaugliche Glühbirne erfand, betrug die Lebensdauer des karbonisierten Baumwollglühfadens lediglich vierzig Stunden. Damit unzufrieden suchte er nach einem haltbareren Material und landete schließlich bei dem Bambus vom Berg Otoko. Hiermit brannte die Glühbirne ganze 1000 Stunden! Über zehn Jahre lang erhellte dieser Bambus Wohnzimmer in der ganzen Welt, bevor er durch Zellulosefäden ersetzt wurde.

Der Hauptschrein

Wir betreten den Hauptschrein durch das südliche Tor. Es steht leicht schräg zur Haupthalle, damit der Besucher beim Verlassen des Schreins dem Gott nicht den Rücken zukehrt.

Die Haupthalle, honden (本殿), ist im Hachiman-Stil gebaut, d.h. sie besteht aus zwei Teilen, einem äußeren Korridor und einer inneren Halle. Die innere Halle hat ein doppeltes Dach mit zwei Firsten.

Drache und Tiger (Copyright by Valerie Niedenführ)

Drache und Tiger (Copyright by Valerie Niedenführ)

Auf dem Querbalken des Eingangstores ist die farbenprächtige Darstellung eines Drachen und eines Tigers zu sehen, die einander angriffslustig in die Augen sehen. Es sind die Tierkreiszeichen von Tokugawa Iemitsu (徳川家光, 1604–1651; Drache), der den Schrein 1634 restaurierte und in seine heutige Form brachte, und seinem Großvater Tokugawa Ieyasu (徳川家康, 1543–1616; Tiger). Die beiden Tiere sind jedoch vertauscht, denn entgegen der Zuordnung in der chinesischen Mythologie befindet sich hier der Tiger im Osten und der Drache im Westen. Der Grund dafür ist, dass der Osten (Yang) als dem Westen (Yin) überlegen angesehen wurde. Das Bild ist also eine verschlüsselte Verneigung Iemitsus vor seinem Großvater.

Links von der Haupthalle steht hinter der äußeren Mauer ein 30 Meter hoher, 700 Jahre alter Kampferbaum (kusunoki 楠木), den ein shimenawa (縄) – ein Tau, an dem gezackte Papierstreifen hängen – als heilig kennzeichnet. Er soll einer von sieben Bäumen sein, die 1334 sein Namensvetter Kusunoki Masashige (楠木正成, 1294–1336) hier pflanzte.

Kampferbaum (Copyright by Valerie Niedenführ)

Kampferbaum (Copyright by Valerie Niedenführ)

Die innere Halle ist besonders sehenswert, jedoch leider nur im Rahmen von Führungen zu besichtigen (4. Feb. – 30. Nov., tägl. 14:00. Voranmeldung erforderlich: 075-981- 3001). Wer unbedingt auf eigene Faust erkunden möchte, für den bietet sich die Gelegenheit, wenn die innere Halle im light-up erleuchtet wird (3. – 5. Mai und 13. Juli – 31. Aug.).

Die Querbalken der inneren Halle sind mit Gemälden reich verziert. Diejenigen, die den ersten Spaziergang durch Uji gemacht und den Byōdō-in bereits besucht haben, werden womöglich die Gestalten sogenannter Apsaras (hiten 飛天 oder tenjin 天 人 ) wiedererkennen, fliegende Geschöpfe mit wehenden Gewändern und flatternden Bändern, die den hölzernen 52 Bodhisattvas ähneln, die Amida Buddha bei seinem Abstieg auf die Erde begleiten. Sie sind ein typisch buddhistisches Motiv und ein Relikt der langjährigen buddhistischen Tradition des Schreins.

Ein weiteres Gemälde stellt einen Affen dar, der sich an den Früchten des Baumes labt, auf dem er sitzt. Er ist als der „Affe mit dem durchstoßenen Auge“ (目貫きの 猿) bekannt. Es heißt, dieser Affe sei so meisterhaft geschnitzt worden, dass sich eines nachts ein Geist seiner bemächtigte, er seinen Platz verließ und den Berg herabstieg. Dort verwüstete er die Felder der armen Bauern, die sich am nächsten Tag im Schrein beklagten. Um den Affen an weiteren derartigen Exkursionen zu hindern, trieb man ihm einen Nagel durch das rechte Auge. Und tatsächlich soll etwas Derartiges seither nicht wieder vorgekommen sein.

Die goldenen Regenrinnen (金銅 製雨樋) sollen von Oda Nobunaga angebracht worden sein, nachdem er sich von einem Gewitter in einen anderen Tempel hatte flüchten müssen. Die Regenrinnen dort waren jedoch morsch, sodass das Wasser durch das Dach tropfte.

An der Rückseite der Haupthalle gibt es eine Stelle, an der die Außenwand wie abgeschnitten scheint. Dies ist der unglückliche Nordosten. Die Kimon fūji (鬼門封じ) genannte fehlende Ecke soll den von hier kommenden Dämonen das Eindringen erschweren.

Kimon fūji (Copyright by Valerie Niedenführ)

Kimon fūji (Copyright by Valerie Niedenführ)

Hachiman und das Heike Monogatari

Für die Minamoto, die sich zu den Nachfahren des Kaisers Seiwa zählen, lag die Verehrung von Hachiman als Ahn des Kaiserhauses nahe. Minamoto no Yorinobu (源 頼信, 968–1048) war der erste, der die siegreichen Schlachten seines Vaters auf die Hilfe dieses Gottes zurückführte und ihn zu seinem Sippengott erklärte. Sein Enkel Yoshiie feierte seine Mannbarkeitszeremonie im Iwashimizu Hachiman-gū und nannte sich fortan Hachiman-tarō („erster Sohn des Hachiman“) Yoshiie (八幡太郎義 家). Die Minamoto verehrten Hachiman als Kriegs- und Siegesgott und machten ihn als solchen in ganz Japan bekannt. Heute soll es im ganzen Land über 40000 Hachiman-Schreine geben.

Doch nicht nur die Minamoto, auch die Taira schätzten den Iwashimizu Hachiman- gū. Beispielsweise soll Kiyomori selbst hier einen kagura-Tanz (神楽) aufgeführt haben, als er zum Junior 5. Ranges ernannt wurde.

Autorin und Übersetzerin: Valerie Niedenführ

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